Schnittmuster und Nähtechniken zu Wendeschuhen

Schuhe Nähen ist aufwendig und bedarf einiger Übung, Geschick, und Planung – man macht nicht „mal eben“ ein Paar Schuhe. Hier möchte ich versuchen einige grundlegende Techniken zur Herstellung von wendegenähten Schuhen zu vermitteln.

In einem zweiten Beitrag zu Lersen werde ich Schritt für Schritt zeigen wie ein Paar Stiefel entsteht (http://www.rammsberg-manufaktur.de/lersen/). Wendegenäht bedeutet, dass der Schuh komplett auf Links gedreht genäht wird und dann auf Rechts umgestülpt wird, so befinden sich später alle Nähte im Schuh. Auf diese Weise sind die Nähte in erster Linie vor Verschleiß geschützt aber auch entsprechend der damaligen Mode nicht zu sehen. Der Zusammenhang zwischen Zweckmäßigkeit und Mode ist hier sehr offensichtlich. Es ist möglich solche Schuhe ohne Leisten (idealisiertes, hölzernes Fußmodell) zu machen hierzu ist es notwendig sehr präzise Maß zu nehmen, anfangs habe ich so verfahren weil ich den Aufwand zur Herstellung einer solchen gescheut habe. Ein Schuh der auf einer Leiste gefertigt ist ist jedoch deutlich stabiler und haltbarer, hier ist die Präzision des Leisten Maßgeblich für die Passform. Leisten

Ich empfehle eine Flex mit Holzscheifscheibe und einen ausreichend großen Holzblock zur Herstellung, mit etwas Geschick kann man so in einigen Stunden schöne Leisten anfertigen.

Zunächst möchte ich einige Nähmethoden erleutern und dann auf das erstellen eines Schnittmusters eingehen.

Einschnitte

Je nach Position des Einschnitts (am Rand oder mitten im Material) ist ein Messer, Skalpel oder eine Schere besser geeignet. An den Enden von Einschnitten sollte man immer mit dem Locheisen ein kleines Loch stanzen damit sich die Kraft besser verteilt und das Leder nicht so schnell reißt. Diese Methode ist modern, eine andere Möglichkeit ist ein kleines Stück Leder von Innen mit einer Aplikationsnaht zu befestigen.Schuh Einschnitte lochen

Nähen von Leder

Beim Vorstechen mit der Ahle ist es ratsam vorher einmal in in Bienenwachs zu stechen, als Schmiermittel. Da die meisten Nähte es erfordern nur eine Seite des Leders zu durchstechen, kann man das Leder vorher nass machen (ich bestreiche immer die ensprechende Stelle mit einem nassen Pinsel bis sie durchgeweicht ist) damit es nicht einreißt, generell gilt: „Was dem Schmied das Feuer ist dem Schuster das Wasser.“. Um robuste Nähte zu erhalten verwende ich immer ein starkes, gewachstes Garn an dessen beiden Enden ich jeweils eine Nadel befestige und diese dann immer gegenläufig durch den Nahtkanal ziehe. Stumpfe Nadeln sind hier besser weil man aufpassen muss nicht das erste Ende mit dem zweiten durchstechen sonst reißt das Garn beim festziehen, auserdem ist es mit stumpfen Nadeln einfacher den vorgestochenden Kanal zu treffen (bei bedarf auch diese Wachsen).

Schuhe zusammensetzen:

Bevor man loslegt sollte sorgfältig darüber nachgedacht werden in welcher Reihenfolge man näht. Mit Leisten würde ich empfehlen erst die Verstärkungen einzunähen – dann den Schaft schließen – Sohle und Obermaterial auf die Leiste nageln – Sohle festnähen. Ohne Leisten empfiehlt es sich den Schaft zu schließen nachdem man die Sohle angenäht hat. Je nach dem wie eure Schuhe später aussehen sollen oder welcher Schuhtyp es ist kann eine andere Reihenfolge besser sein entscheidend ist, dass man immer optimal an die zu bearbeitende Stelle herankommt.

Auf dem Leisten Befestigter Schuh:Schuh auf Leisten aufgenagelt

Wendeschuh auf Leisten-

Naht zur Befestigung der Sohle:Außennaht Wendeschuh

Abbildung I. zeigt die gewendete Naht im Querschnitt. Zum nähen heftet ihr am besten Sohle und Obermaterial zusammen, mit Leisten werden die Schichten vorher aufgenagelt, ohne Leisten kann man Klammern verwenden. Eine gebogene Ahle kann hier von vorteil sein es geht aber auch mit einer geraden, die Krümmung des Nahtkanahls erreicht ihr dann durch knautschen des Leders mit den FIngern oder es reicht schräg zu stechen. Stecht zuerst durch die Sohle und dann in das Obermaterial. Mit Leisten habt ihr es hier einfacher, legt euch ein Handtuch auf die Oberschenkel darauf den Leisten und fixiert das Ganze mit einem starken Riemen (ein Gürtel oder Steigbügelriemen eignet sich hervorragend) den ihr mit dem Fuß auf spannung haltet, so habt ihr beide Hände zum Nähen frei.

Man kann auch noch einen Randstreifen einfügen der die Form des Schuhs verstärkt und dafür sorgt, dass er bei Nässe nich so schnell durch weicht (Abbildung II.), diese und die anderen unten beschriebenen Technicken um die haltbarkeit zu erhöhen tauchen nach und während dem Bevölkerungswachstum im Hochmittelalter auf (vorher war die Langlebigkeit von Schuhen scheinbar kein Kriterium).

Wendeschuhnaht mit Randverstärkung-

So sieht die Naht im Schuh aus. Verstärkungen werden mit eingenäht.

Sohlennaht eines Wendeschuhs von innen-

Stürznaht:Stürznaht

Die wohl einfachsten Nähte: Die Teile werden flach aufeinander gelegt und vernäht. Für Schuhe ist die Stürznaht nur bedingt geeignet, da sie relativ dick aufträgt und so scheuert, wenn man dünnes Leder verwendet ist sie jedoch besser  weil sie die Gesammtdicke des Materials ausnutzt.

Naht auf Stoß:Stoßnaht

Ziel ist es die Kanten des Leders auf Stoß zu vernähen und so eine glatte Naht zu erhalten die von außen kaum sichtbar ist und wenig scheuert. Das Leder braucht eine gewisse Dicke da man nur die Innenseite durchsticht und auf der Kante austritt, Wasser und Wachs sind nützliche Hilfen damit das Material beim vorstechen nicht einreißt.

Applikationsnaht: Applikationsnaht Mit dieser Naht kann man Verstärkungen auf der Innenseite einnähen ohne dass man es von außen sieht (man sieht nur geringfüge Falten auf der Außenseite). Wieder braucht das Material eine gewisse Dicke, und auch hier sind Wasser und Wachs die besten Freunde. Ich steche immer zuerst durch Leder 2 (Abbildung V.) und dann durch Leder 1.

Schnittmuster:

Beim entwerfen des Schnittmusters sollte man versuchen bei möglichst wenigen Einzelteilen eine möglichst gute Passform zu schaffen, da Nähte immer potentielle Schwachstellen sind. Nähte mittig auf der Ferse würde ich vermeiden, so schafft man zwar eine gute Passform an der Ferse jedoch ist ein Scheuern besonders unangenehm und da Wendeschuhe weniger stabil sind als moderne Rahmenschuhe tritt sich die Ferse leicht über, eine Naht ist dann schnell durchgelatscht. Das Schnittmuster, dass ich folgend vorstelle hat sich bei mir bisher bewährt. Es ist  durch kleine Änderungen für viele Schuhtypen geeignet und braucht nur wenige Nähte. Üblicherweise war das Oberleder bei Mittelalterlichen Schuhen aus einem Stück, andere Fälle sind meistens wohl Übüngsstücke oder aus der Not geboren (Bei modernen Stiefeln ist z.B. der Bereich der sich auf dem Spann befindet an den Teil angenäht der das Bein und die Knöchel umschließt).

Maßnehmen:Schuh Maße

Zuerst Müsst ihr euren Fuß auf ein Blatt Papier stellen und euer Gewicht darauf verlagern (der Fuß wird breiter), dann Zeichnet ihr einmal ringsum. Jetzt nehmt ihr das Blatt und zeichnet basierend auf dem Umriss eine Sohle. Gotische (nicht das Volk sondern die Stilrichtung) Schuhe sind dem Ideal nach lang und schmal, es ist Möglich nach geschmack auch etwas schmaler werden als der Umriss aber Vorsicht sonst wird es beim laufen unangenehm. Die Spitze mache ich immer nach Gefühl der Fußform folgend, tatsächlich stören sie weniger als ich dachte man kann ruhig 3-4 cm über den Fuß hinaus zeichen meine letzten Stiefel  haben eine 6cm lange Spitze und ich bin noch nicht darüber gestolpert.

Nun stellt ihr euren Fuß wieder auf das Schnittmuster und nehmt die Maße „au“, „bu“ und  „cu“ dabei markiert ihr auf eurem Fuß und an der Papiersohle wo ihr das Maß genommen habt. Jetzt werden die maße „a“, „b“, „c“ von der spitze der Sohle zu der Markierung auf eurem Fuß gemessen. „e“ ist die gewünschte Schafthöhe – einfach vom Boden ausmessen. Das maß „f“ wird mit einem aufgestellten Schneidermaßband von der einen „au“ Markierung auf der Sohle um die Ferse herum zur anderen Seite gemessen. „d“ ist wichtig für hohe geschlossene Stiefel („d“ muss bei einem geschlossenen Stiefel an der dünnen Stelle oberhalb des Knöchels sitzen) sonst sind sie schwer an zu ziehen. Bei offenen Schuhen ist es vernachlässigbar da man den Einschnitt so weit machen kann, dass es passt. Bei hohen Stiefeln sind natürlich noch Höhen und Umfangmaße nötig, je nach Schnittmuster empfehle ich alle 10cm den Umfang zu messen. Ich messe immer Barfuß und mache die Schuhe auf diese weise etwas enger da sich das Leder ohnehin etwas dehnen wird und man so eine schönere Passform erreicht.

Schnittmuster:Schuh Maße übertragen

 

Nun gilt es aus den Maßen den Schaft zu konstruieren. Hierzu zeichne ich die Konstruktionsline „CA“ in länge „a“ und trage beginnend bei C die maße „c“ und „b“ ab. Nun im Rechten winkel die Umfangmaße „au“, „bu“, „cu“ wobei „CA“ immer mittig ist. Jetzt benutzt man die äußeren Enden der Umfangmaße als Orientierung um einen  Bogen nach „C“ zu zeichnen. Die Enden von „bu“ werden dabei etwas nach innen vom Bogen entfernt liegen, mir ist es aber immer lieber „bu“ trotzdem zu messen um mich dran zu orientieren. Der nun gezeichnete Teil liegt später auf dem Spann er ist achsensymetrisch zu „CA“ man kann also eine Seite zeichenen – falten – schneiden – aufklappen. Da der Schuh ja auch um die Ferse reichen soll, muss ein Rechteck der Höhe „e“ und der Länge „f“ hinzugefügt werden (Ohne Leiste ist es sinnvoll 1-2cm auf „f“ zu addieren und nachdem man die Sohle angenäht hat den Überstand ab zu schneiden). Damit daraus ein Schuh wird muss das rechteck später entlang der Pfeile so umgeklappt werden dass die Punkte „H1“ und „H2“ sowie „G1“ und „G2“ aufeinanderliegen.Schuh Schnittmuster

Dieses Schnittmuster ergäbe einen Schuh Der in etwa so aussieht (Ja etwas abgerockt nach 3 Jahren Einsatz es war mein erster Versuch nach diesem Schnittmuster ohne Leisten):Alter Schuh

 

Die Lasche „J“ kann man auch separat schneiden und je nachdem auf welcher Seite man Verschluss und Naht hat ansetzten. „L“ ist die Fersenverstärkung, grade bei Wendeschuhen die ohnehin weniger stabil sind würde ich nicht darauf verzichten. Um die Passform über der Ferse zu verbessern kann man das Oval „K“ ausschneiden – auch hier position nach Anprobe bestimmen – und dann zunähen (ich weiß nicht ob es Funde für dieses Oval gibt, ich habe es bei den gezeigten Schuhen so gemacht weil es mir in den Sinn gekommen ist. Es scheint mir eine gute Lösung, aber bei späteren Schuhen die ich gemacht habe war es nicht nötig). Eine andere Möglichkeit die ich noch nicht getestet habe ist entlang der Länge „f“ auf Abbildung VII. eine Krümmung zu schneiden, so müsste sich das Leder schräg aufstellen. Alter Schuh Ferse

Auf die selbe Weise kann man auch grade einschnitte machen und Formen einsetzten um das Material Beispielsweise auf der Wade auszubeulen.

Oben benanntes Maß „d“ findet bei offenen Schuhen in Form des Verschlusses berücksichtigung man kann z.B. Entlang der Linie „CA“ bei „A“ beginnend einschneiden und mit einer Lasche hinterlegen, in diesem Fall würde ich relativ kurz einschneiden, versuchen den Schuh an zu ziehen wenn es zu eng ist weiterschneiden – Vorgang wiederholen – bis es Passt um möglichst kurz zu schneiden. Oder ihr Näht „GH“ nicht bis oben und probiert, hier würde ich allerdings eine Lasche als Schutz vor Kieseln als unerlässlich betrachten. Auch möglich wäre so etwas:Schuh Beispiel

 

Wer sich Intensiv mit dem Thema auseinandersetzen will dem empfehle ich:

http://www.rammsberg-manufaktur.de/lersen/

Stefan von der Heide. Kleidung des Mittelalters selbst anfertigen. Schuhe des Hoch- und Spätmittelalters. Zauberfeder Verlag Braunschweig 2011.