Schnittmuster erstellen

Ein gutes Schnittmuster ist der wichtigste Faktor dafür, wie das Kleidungsstück später sitzt.

Generell gilt: Je weniger Falten das Kleidungstück später werfen soll, desto enger muss es sein und um so mehr Nähte muss es haben – je enger es jedoch ist, desto weniger beweglich ist es. Wenn man es allerdings weiter macht, wird auch die Passform ungenauer und man muss überlegen, wie viele Nähte man tatsächlich braucht. Ein enges Gewand braucht auch einen Verschluss (Schnürung, Knöpfe, Haken und Ösen je nach Darstellung und Geschmack), da man nicht mehr einfach reinschlüpfen kann. Ebenfalls ein wichtiges Kriterium ist, wie viel Stoff man hat und wie groß die Bahnbreite ist. Heutige Stoffbahnen sind meistens 140-150cm breit, der mittelalterliche Webstuhl war durch die Armlänge des Webers begrenzt und daher meistens schmaler. Wenn man zu wenig Stoff gekauft hat, oder er zu Schmal ist, kann es helfen zu Stückeln oder Keile anstelle von breit ausufernden Teilen zu verwenden. Mit modernen Stretch-Stoffen ist es natürlich viel einfacher ein hautenges Kleidungsstück zu fertigen, bei nicht dehnbaren Stoffen kann man allerdings durch zuschneiden diagonal zur Fadenrichtung ganz gute Ergebnisse erzielen (z. B. deutlich strumpfartigere Beinlinge und Hosen).Gewebe Dehnbarkeit

Maß nehmenOberkörper Maße

Maße am Torso: Benötigt werden die Umfangmaße an der Brust „au“ (für Frauen auf dem Busen „au1“ und unter dem Busen „au2“), der Taille „bu“ und der Hüfte „cu“ die zugehörigen Längenmaße sowie die gewünschte Gesammtlänge „d“ werden immer von der Schulternaht abwärts gemessen.Ärmel Maße

Der Arm wird angewinkelt uber den Ellenbogen vermessen, da er so die größte Länge hat. Man braucht Gesamtlänge („e“), Länge bis zum Ellenbogen („f“), Oberarmumfang („gu“), Ellenbogenumfang (angewinkelt) („fu“) und bei engen geknöpften Ärmeln den Handgelenksumfang („eu“) bei weiten Ärmeln ohne Verschluss den Handumfang  an der dicksten Stelle („hu“).Bein Maße

Für Beinlinge braucht man den Knöchel- („iu“), Waden- („ju“), Knie- („ku“) und Oberschenkel- („lu“) Umfang die zugehörigen Längenmaße sowie die gewünschte Gesammtlänge („m“) bis zum Bund der Bruche.

Schnittmuster

Aus den so gewonnenen Maßen kann man ein Schnittmuster erstellen, dazu tragt ihr sie wie folgt ab.

Für figurbetonte spätmittelalterliche Kleidung sind Schnittmuster mit vier Nähten in der Vertikale, ohne Abnäher normalerweise ausreichend. Sechs oder mehr Nähte in der Vertikale am Torso werden erst später üblich.Wams Schnitt

Die Umfangmaße vierteln und entlang der Längenmaße abtragen den Linienverlauf müsst ihr in diesem Fall, freihand, nach Gefühl einzeichnen. Um mehr Präzision zu erreichen kann man Theoretisch mehr Längen- und Umfangmaße verwenden, für besser halte ich jedoch den Schnitt durch Drapieren (weiter unten) zu ermitteln, dann sind die Linienverläufe vorgegeben. Für die Breiten von Halsausschnitt, Schulter und Armauschnitt könnt ihr erfahrungsgemaß den Brustumfang „au“ durch 12 teilen (auf dem Schnittmuster also jeweils Drittel). Für die Ärmel benötigt ihr noch die Längen des Armausschnittes „n“ und „o“ messt sie mit aufgestelltem Schneidermaßband.

Ärmel

Ärmel Schnitt

Dies wird ein Ärmel mit Naht auf der Rückseite des Ärmels. Zuerst zeichnet ihr Konstruktionslinie „AB“ in der Länge „e“ dann im rechten Winkel (zu „AB“), mittig bei einem engen Ärmel „eu“ bei einem weiten zum reinschlüpfen „hu“ an „B“ die Enden bilden „C“ und „D“. Dann messt auf der Linie „AB“ die Länge „f“ und tragt wieder mittig im rechten Winkel „fu“ ab.  „g“ ist im Grunde Vernachlässigbar, deshalb in der Zeichnung nicht berücksichtigt, also „gu“ einfach mittig zwischen „A“ und „fu“ einzeichnen. Die Gerade „EF“ ist ebenfalls senkrecht zu „AB“ die Punkte „E“ und „F“ im selben Abstand zu „AB“. Die Gebogene Linie zischen „E“ und „F“ ist entscheidend dafür wie viele Falten der Ärmel in der Achsel wirft bzw. wie beweglich er ist, sie hat die Länge „n+o“ ist also abhängig vom Armausschnitt sowie der Länge von „EF“. Grundsätzlich erzielt man weniger Falten wenn die Punkte „E“ und „F“ näher aneinander Liegen und die Kurve dementsprechend stark nach oben gekrümmt ist, der Ärmel ist dann mehr nach unten gerichtet und sitzt nicht mehr so gut wenn man die Arme hoch nimmt (bzw. schränkt diese Bewegungsrichtung ein), das Extrem wäre hier ein moderner Jackettärmel wobei hier der Armausschnitt am Torso deutlich flacher ausfällt. Mehr Beweglichkeit aber auch mehr Falten erreicht man, wenn die Punkte weit auseinander liegen und die Kurve flacher ist. Der Zenit „G“ liegt etwas (ungefähr 3cm) von der Mittellinie „AB“ versetzt NICHT mittig zwischen „E“ und „AB“ somit nimmt der nach oben gewölbte Teil mehr Raum ein,  als der nach unten gewölbte. Die Kurven zwischen „E“,“C“ und „F“,“D“ sind Achsensymmetrisch zu „AB“ ihr Könnt also eine Seite einzeichnen – Falten – zuschneiden – aufklappen. Besser als eine Kurve zu Zeichnen ist es jedoch die Geraden „EC“ und „FD“ zu zeichnen – den Ärmel einzunähen – das Gewand anzuziehen und dann nach belieben abzustecken (vorsicht am Ellenbogen: Der darf nicht zu eng werden – also immer wieder Arm zum testen anwinkeln).

Ein Ärmel mit Nahtbeginn in der Achsel ist komplett symmetrisch dabei liegt der Zenit der Kurve „G“ mittig auf der „AB“ Achse und die Enden flachen ab. Für Puffärmel muss die Länge „n+o“, am Ärmel nicht am Torso, verlängert und dann beim Annähen gerafft werden (Bsp. : (n+o)x2 für einen stark gepufften Ärmel).

Es gibt auch Schnitte bei denen ein dreieckiger Einsatz an der Schulter in der Längsnaht ist, so kann man Stoff sparen weil der Ärmel oben nicht so breit sein muss, bzw. weil die Breite durch ein kleines Stück das man zwischen den größeren Teilen aus dem Stoff schneiden kann erreicht wird. Es ist auch möglich so eine bessere Passform zu erreichen (Prinzip mehr Nähte) wie das funktioniert werde ich in einem weiteren Beitrag erkären.

Beinling:

Beinling Schnitt

Zuerst die Konstruktionslinie „IH“ in Länge „m“. Da der Schnitt symmetrisch ist könnt ihr jetzt entlang dieser Linie Falten und immer die Hälfte der Umfangmaße verwenden. Das Maß „iu“ ist zu klein für den Fuß es muss einige cm weiter als gemessen. Am besten ist es den Beinling zu groß zu zu schneiden – an zu probieren – enger zu stecken – zunähen – anprobieren usw. bis er gefällt. Strumpfartigere Beinlinge kann man nähen wenn „IH“ diagonal zur Fadenrichtung auf dem Stoff liegt.  Der Steg wird einfach so weit nach unten ergänzt, dass er unter dem Fuß schließt. Hosen sind deutlich schwieriger bei Zeiten werde ich einen Beitrag dazu schreiben.

Kleidumfang verteilenKleid Schnittmuster Rocksaum Aufteilung

Bei einem langen Kleidungsstück mit großem Faltenwurf, wie beispielsweise einem Kleid mit Keilen, fällt es gleichmäßiger wenn der Umfang des Saums auf alle  Teile einheitlich verteilt wird (in diesem Fall die Länge „p“). Ein Bodenlanges Kleid braucht mindestens 4m Umfang damit es schön fällt. Meistens sind bei Fundstücken die Unterkanten der großen Stücke nicht so breit und der Umfang ergibt sich durch Keile so spart man Stoff, ich meine jedoch auf einigen frühen „naturalistischen“ Gemälden vom beginn des 15. jahrhunderts zu erkennen dass es auch diese Variante gab (es ist denke ich eine Kostenfrage). Auf jeden Fall erreicht man so einen schöneren Faltenwurf, ich möchte hier nur darauf hinweisen, dass man sich zumindest darüber streiten kann.

Drapieren

Die meiner Meinung nach bessere Methode ist das Schnittmuster am Torso zu Drapieren. Hierbei werden zwei ausreichend große Stücke Stoff entlang dem Späteren Nahtverlauf festgesteckt bis die gewünschte Passform erreicht ist, um den Schnitt zu ermitteln.Maße AbsteckenMaße Abstecken Rücken

Beginnt mit der Schulter, dann die Seitennähte von der Achsel herunter relativ locker abstecken, jetzt die Mittelnaht vorne und hinten abstecken. Am besten alle Nähte zunächst locker und dann immer fester abstecken, bei einem Männerschnitt zuletzt die Tailiennaht.

Durch bewegen und abtasten kann man den optimalen Verlauf der Armausschnitte bestimmen, man kann die Falte über der Brust minimieren indem man sie auf den Ärmel verlagert (also den Armausschnitt vergrößert).

Man sieht auf den Bildern sehr gut die Falten die sich um die Arme herum bilden, diese Falten kann man als Orientierung verwenden um die Ausschnitte ein zu zeichnen.

Schlussendlich entlang aller Nadeln, aus allen Richtungen die Linien mit einem Stift nachziehen. Nun könnt ihr das Muster auseinander nehmen und entlag der Linien ausschneiden.

Diese Teile sind meistens nicht ganz Symmetrisch und als Schnittmuster ungeeignet. Nehmt ein großes Stück Papier legt nacheinander die Linke und die rechte Hälfte auf und zeichnet die Ränder nach.

Jetzt müssen die Teile noch gemittelt werden (rote Linie Abbildung IX.).

Diese gemittelte Linie kann auch noch geschönt werden. Denn Gut geschnittene Kleidung folgt nich unbedingt vollkommen der Körperform sondern Kaschiert gegebenenfalls Unregelmäßigkeiten.

Da die Bilder teilweise nicht besonders deutlich sind, hier noch ein mal schematisch.

Den Umriss den ihr so erhaltet werde ich in meinen weiteren Anleitungen wie Thursfield „Grundschnitt“ nennen, er kann für verschiedene Kleidungsstücke modifiziert werden.

In einem weiteren Beitrag werde ich erklären wie man einen Schnitt so drapiert dass er eine BH ähnliche Stützfunktion erreicht.

Fertiges Schnittmuster für ein Wams des 15. Jahrhunderts:Wams Schnittmuster

Für diejenigen die sich intensiver mit dem Thema befassen wollen ist

Thursfield, Sara, Mittelalterliches Schneidern. Historische Alltagskleidung zwischen 1200 und 1500, VS-BOOKS, Herne 2013.

ein wunderbares Werk, es enthält auch Anleitungen zu Nähtechniken und Materialwahl.