Nierentasche aus dem 15. Jahrhundert

Auf Anfrage habe ich eine Gürteltasche in Anlehnung an einen Fund in Dordrecht gefertigt. Die Vorlage stammt zwar aus dem 17. Jahrhundert jedoch ist die Kontruktionsweise vom Spätmittelalter bis dahin nicht verändert worden.

Zunächst zu Spätmittelalterlichen Gürteltaschen:

Taschen mit zwei Gürtelschlaufen finden sich nur bei Männern, im Normalfall sind die Schlaufen dann aus einem Stück mit der Rückwand. Die Formen können stark variieren, diese Tasche sollte in der beliebten Nierenform gestaltet werden. Wenn die Taschen mehrere große hintereinanderliegende Fächer haben sind die Hinteren kleiner als die Vorderen. Als Material findet sich meißtens Rindsleder nur Zwischenwände sind manchmal aus Stoff, und aufgenähte Beutel aus weicherem Ziegenleder. Verschlusslaschen sind nicht immer vorhanden und wenn nicht, befinden sich die Eingriffe innenliegend zwischen den Fächern, so dass Diebe es schwerer haben.

Entwurf:

DIe Tache sollte auf dem Hauptfach drei Zusatzfächer haben, zwei Beutelförmige (Abbildung I. -> 2.,4.)und ein Fach(Abbildung I. -> 3.), das für ein Kartenspiel optimiert ist (im Original vermutlich für eine Wachstafel), dann noch ein weiteres Zusatzfach farblich abgesetzt zur Verschlusslasche.Gürteltasche Zeichnung

Im Qerschnitt:Gürteltasche Querschnitt

Zuschnitt:Gürteltasche zuschnitt

Viel gibts da nicht zu sagen: das große Teil ganz rechts wird die Rückwand, die Gürtelschlaufen und die Verschlusslasche. Die mittleren Teile werden Vorderwand des Hauptfachs und Rückwand des Zusatzfachs 1. Ganz links unten: Vorderwand Zusatzfach 1, links oben Zusatzfächer 2, 3 und 4 aus einem Stück das gerafft wird.

Zusatzfächer 2, 3 und 4:

Da man so einfacher drann kommt, lohnt es sich die Zusatzfächer fest zu nähen bevor man die Haupttasche vernäht. Zuerst für den späteren Verschluss der Beutelfächer vorlochen, dann die erste Seite des rechteckigen Kartenfachs annähen. Bei diesen Nähten habe ich einen schmalen Lederstreifen für höhere Festigkeit aufgelegt.Gürteltasche Innenfach aufnähen

Jetzt das Kartenspiel an seine Position legen den zweiten Rand und die Unterkante unter angemessener Spannung festnähen (angemessen heißt: man will die Karten später auch noch raus bekommen).Gürteltasche Innenfach Nähen

Bei den Beutelfächern ebenfalls zuerst die Seite und dann die Unterkante befestigen.

Um den Eingriff vor dem Ausreißen zu schützen habe ich hier ebenfalls eine Verstärkung  aufgenäht, diese Verstärkung  versäubert gleichzeitig die oberen Enden der Streifen rings um die Fächer. Die Oberkante wird erst später direkt mit der Rückwand vernäht um das Fach nach oben zu verschließen. Das Fach durch die obere Naht des Eingriffs zu schließen war eine unbewusste Änderung meinerseits (Mittelalterlich wäre es sie mit dem letztlichen Zusammensetzten zu schließen), aufgefallen ist mir das später aber so ist es auch einfacher die Tasche am Ende zusammen zu setzen.Gürteltasche Innenfach und Beutelfächer nähen

Zusatzfach 1:

Zuerst wird die Verstärkung um den Eingriff entlang der Unterkante vernäht, dann die Oberkante durch alle drei Schichten (Verstärkung, Außenwand und Rückwand des Faches). Hier habe ich leider versäumt Bilder während der Herstellung zu machen also gibt es nur fertige.Gürteltasche Außenfach genähtGürteltasche Außenfach Rückseite

Die Naht ringsum schien mir als Applikationsnaht am besten. Weil das äußere Leder dünner war, wäre eine Stürznaht ungünstig gewesen (für eine Erklärung der Nähte siehe: http://www.rammsberg-manufaktur.de/schnittmuster-und-naehtechniken-zu-wendeschuhen) . Diese Nähweise ist untypisch sorgt aber für für eine klarere Silhouette.Gürteltasche Naht

So sieht man die Nähte von außen nicht.Gürteltasche Außenfach Außenseite

Hauptfach:

Wenn die Verschlusslasche punziert werden soll ist es sinvoll das zu machen bevor man das Fach zusammennäht (dann hat man weniger Leder in der Hand und kann einfacher arbeiten). Beim Hauptfach erstmal auf links gedreht ringsum eine Stürznaht machen, dann wenden und zum schluss die Oberkante vom Eingriff.Gürteltasche Hauptfach

Knochenknebel:

Die Beutelfächer sollten durch Lederbänder mit Knochenknebeln verschlossen werden.  Bei der Vorlage gibt es keine Knebel sondern das Lederband ist eine einfache Schlaufe die vorne durch den Beutel gefädelt ist und im Innenraum des Hauptfachs nach oben durch zwei weitere Löcher wieder heraus, so kann man am Beutel ziehen um zu öffenen oder an der oberen Schlaufe zum schließen.

Weil von Weihnachten aber noch Lammknochen übrig war und ich Knochen als Werkstoff mal ausprobieren wollte sind es dann Knebel geworden. Knochen muss vorsichtig vorgebohrt werden er bricht schnell.Gürteltasche Knochenknebel ungebohrtGürteltasche Knochenknebel gebohrtTasche Hauptfach und BeutelfächerKnochenknebel gebrochen

 

Zusammensetzen:

Verbunden werden die Teile nach historischem Vorbild nicht mit einer Naht, sondern mit einem Lederband. Für das Muster gibt es unterschiedliche Möglichkeiten je nach Geschmack.Gürteltasche außenfach

Gürteltasche Rückansicht

Der Verschlussriemen hat in der Mitte eine Verdickung um genug Platz für die Löcher zu lassen.Gürteltsche fertig

Die verwendeten Informationen stammen hauptsächlich aus:
Gobitz, Olaf: Purses in Pieces. Archeological finds of late medival and 16th-century leather purses, pouches, bags and cases in the Netherlands,  Zwolle,  2007.

In Dordrecht sind wegen des hohem Grundwasserspiegels besonders viele Taschen und Schuhe erhalten geblieben.