Lersen

An diesem Beitrag zeige ich exemplarisch wie ein Paar Schuhe entsteht. Zuerst solltet ihr meinen einführenden Beitrag zu Schuhen gelesen haben:  http://www.rammsberg-manufaktur.de/schnittmuster-un…-zu-wendeschuhen/

Zunächst meine Rechercheergebnisse zu Lersen:

Es gibt einen Fund von Lersen aus einem Bergwerk, der aufgrund der Bergbauaktivität  (1273 – 1283) als nicht nach dem Ende des 13. Jahrhunderts datiert wird*,  diese Stiefel haben keine Verschlüsse und Elburg vermutet  sie könnten ähnlich wie Beinlinge getragen worden sein.

Der nächste mir bekannte Hinweis auf solche Beinkleidung findet sich bei Gaston Fébus „Le livre de Chasse“ in der Abschrift aus dem Morgan Library & Museum von 1407 dort gibt es mehrere Abbildungen von über Knie hohen Stiefeln, sowie „Beinlinge“ die mit Sporen getragen werden und seitlich eine Art Schnürung haben.

Auch eine Tafel des Altars der Reinoldikirche in Dortmund zeigt diese „Beinlinge“ mit Schnürung oder zumindest seitlicher Falte, gemalt wurde das Bild zwischen 1410 und 1420:

Ein Bauer im September von „Trés Riches“ (zwischen 1412 und 1416) könnte auch ein Paar lose getragener Lersen anhaben allerdings sind sie großteils von Pflanzen bedeckt:

Den Bildern nach ist jedoch die Blütezeit dieser Stiefel das späte 15. Jahrhundert dort findet man sie eindeutig auf zahlreichen Abbildungen.

Aus die sieben weisen Meister 1471

Für diese Quellenlage sind mehrere Gründe möglich: Zum einen die tatsächliche Häufigkeit, zum anderen dass die früheren Abbildungen durch ihre geringere Genauigkeit nur Mutmaßungen zulassen um was es sich handelt. Konkrete Funde sind wohl auch selten (abgesehen davon dass Leder ohnehin nur unter guten Bedingungen so lange hält) da man das wenig beanspruchte Schaftleder sehr gut wiederverwenden kann – auch ich habe alle meine alten Stiefel zerschnitten und neue Sachen daraus genäht – übrig bleibt dann nur ein Schuhrest über den man nur schwerlich sagen kann wie hoch er mal war.


Jetzt die Herstellung meiner Stiefel:

Zuerst ein Schnittmuster ausdenken, wie das funktioniert und die nötigen Nähtechniken habe ich bereits beschrieben.

Der Schaft ist normalerweise mit einer Naht auf der Innenseite bis Oben geschlossen und wird durch die Verschlüsse gerafft, dafür ist ein dünnes Leder notwendig, da ich aber dickes Leder verwenden wollte war es notwendig, um eng anliegende Stiefel zu erreichen, den Schaft vorne offen zu lassen. Um eine mittige Naht auf der Ferse zu vermeiden ist das Bein separat angesetzt und die Wade durch einen Einsatz ausgeformt. Die Fersenverstärkung habe ich bis zum ersten Verschlussriemen erweitert um zu versuchen ein Übertreten nach hinten zu erschweren (auf Schnittmuster und Nähtechniken zu Wendeschuhen Bild VIII. ist diese Form mit eingezeichnet. Im Nachhinein bin ich mir nicht sicher wie effektiv das ist, es scheint mir wie zu versuchen einen Pickup von seiner Ladefläche aus zu schieben).  Bei vorherigen Schuhen hat der dicke Zeh im Laufe der Zeit das Leder durchgescheuert, weshalb diesmal eine Verstärkung vom dicken Zeh diagonal zum Ballen des kleinen Zehs ergänzt ist Des weiteren wollte ich mich an der für gotische Schuhe typischen Spitzenform probieren.

Dieses Schnittmuster stammt von mir. Wie gesagt sind Lersen normalerweise aus dünnem Leder, da sich solches besser anschmiegt und raffen lässt ist es damit nicht nötig das Bein so auszuformen, es handelt sich also um meinen Versuch formschöne Lersen aus „dickem“ Leder herzustellen. Diese Fersenverstärkungsform ist ebenfalls ein Versuch meinerseits die Haltbarkeit zu erhöhen, das Experiment ist nicht unbedingt gescheitert, aber es war auch kein bahnbrechender Erfolg.

Zuerst habe ich alle Verstärkungen mit einer Applikationsnaht angenäht und die seitliche Naht durch eine  Applikaton zusätzlich verstärkt.Lerse Fuß innen

Jetzt werden alle Teile die später direkt am Fuß liegen eingeweicht,Einzelteile Wässern

und dann auf den leisten gezwickt (genagelt). Zuerst die Sohle,Sohle auf Leisten aufgenagelt

dann der Randstreifen,

Sohle und nahtverstärkung auf Leisten genagelt

jetzt wird der Schaft mit viel Spannung beginnend bei der Ferse auf beiden Seiten parallel festgenagelt bis zur Spitze. Im Normalfall braucht man an Ferse und Spitze wegen der starken Biegung mehr Nägel (die Nägel am Randstreifen werden natürlich nach und nach herausgezogen). Vorher muss der Einschlupf, soweit notwendig, um den Schaft eng anliegnd festzuzwicken, V-Förmig  (je nach gewünschter Optik)  zugeschnitten werden.Schuh auf Leisten aufgenagelt

Als nächstes wird die Sohle ringsum Festgenäht. Bevor man den Leisten entfernt muss ringsum die Naht mit dem Hammer verdichtet werden. Sohlennaht Schnabelschuh

Bei Schnabelschuhen wird die Spitze ausgelassen und im gewendeten Zustand vernäht.

Nun den Leisten entfernen, einfacher ist es mit zweiteiligen Leisten.Leisten herausgenommenLeisten herausgenommen innen

Jetzt habe ich den Beinteil angenäht und den Stiefel gewendet, vor dem Wenden ist es sinnvoll die Stiefel über Nacht einzuweichen. An diesem Punkt kann man die Stiefel auch anprobieren um zu sehen an welcher Stelle die erweiterte Fersenverstärkung herausgeführt werden kann.Schaft annähen Lersen

Da die Stiefel gewendet sind kann die spitze zugenäht werden.Spitze Schnabelschuh

Zuerst Spitze mit Wolle ausfüllen ohne sie an der Sohle zu befestigen (in diesen Spitzen wurde auch Moos und Stroh gefunden es wurde scheinbar benutzt was da war) .

Ohne die Unterseite der der Sohle zu durchstechen die Spitze auf beiden Seiten locker vernähen und erst nach und nach festziehen.

Der Schaft musste noch Wadenförmig ausgeformt werden, dazu habe ich ihn der Länge nach bis unter die Wade eingeschnitten und den Einsatz auf Stoß vernäht.Lersen Wade einsetzen

Lersen ohne Verschlüsse

Man kann die Haltbarkeit solcher Schuhe beträchtlich erhöhen, indem man eine zusätzliche Schicht Sohle anbringt (im Normalfall als Sohlenflicke: Unter dem Fußgewölbe durchbrochen um eine bessere Beweglichkeit zu gewähren). Historisch korrekt müsste man diese Zusatzschicht festnähen, eine solche Naht ist aber ausgesprochen aufwändig: Man durchsticht natürlich wieder das Leder nicht komplett, da sich sonst die Naht nach unten durchlatscht und im Schuh nicht drann kommt. Also muss man ähnlich wie bei der Spitze vorgehen. Der Aufwand einer solchen Naht steht jedoch bei der Menge moderner Untergründe (Asphalt, Schotter) auf denen man oft laufen muss, in keinem Verhältnis zur Haltbarkeit der Sohlenflicken. Zumal im Regelfall ohnehin niemand auf die Fußsohle achtet empfehle ich also Pattex und ringsum Nägel. Die Nägel müssen auf einem Schusteramboss eingeschlagen werden, so dass sie sich im inneren des Schuhs umbiegen und besser halten. Damit die Nägel nicht in die Fußsohle drücken und um den Abrieb auf den Nähten im Inneren zu verringern, habe ich noch eine Innensohle befestigt. Zum Schluss pro Stiefel 7 Schließen, die Riemen sind umlaufend und nur hinter der Schnalle festgenäht (Diese Umlaufenden Riemen finde ich schön, kenne sie aber von keiner Abbildung).Lerse seitlich

Lersen vorne

Die dunkle Farbe kommt vom Lederfett. Wendegenähte Schuhe sind nicht so robust wie moderne rahmengenähte Schuhe, daher ist es noch wichtiger sie ausreichend zu Pflegen – d. h. bei Gebrauch jeden Tag fetten. Asphalt und ähnliche Böden verschleißen Ledersohlen enorm, vor allem bei Nässe, und sollten soweit möglich gemieden werden.

Später, nach einiger praktischer Trageerfahrung, habe ich noch Löcher an der Oberkante ergänzt, mit denen man die Stiefel wie Beinlinge an der Bruche oder einem Gürtel befestigen kann. Dadurch verbessert sich der Tragekomfort enorm und es war eine durchaus übliche Tragweise solcher Stiefel.

*Elburg Rengert: Stiefel und Lersen als Bergamannskleidung aus dem späten 13. jahrhundert. 2014

https://www.researchgate.net/publication/266733108_Stiefel_und_Lersen_als_Bergmannsbekleidung_aus_dem_spaten_13_Jahrhundert